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Warum interdisziplinäres Arbeiten die Zukunft ist

Wie unterschiedliche Wissensperspektiven dabei helfen, komplexe Herausforderungen besser zu verstehen und gemeinsam wirksame Lösungen zu entwickeln.

Stellen wir uns eine Stadt vor, die ihren öffentlichen Nahverkehr verbessern möchte. Ingenieur:innen entwickeln effizientere Streckenführungen. Datenanalyst:innen prognostizieren Fahrgastzahlen. Wirtschaftsexpert:innen berechnen Kosten. Doch trotz technischer Optimierungen bleibt das grundlegende Problem bestehen: Menschen nutzen das Angebot nicht wie erwartet.

Vielleicht fehlen barrierefreie Zugänge. Vielleicht passen die Fahrpläne nicht zu den Arbeitszeiten bestimmter Bevölkerungsgruppen. Vielleicht werden Menschen bei der Planung nicht berücksichtigt, deren Mobilitätsbedürfnisse sich von denen der Entscheidungsträger:innen unterscheiden.

Die einzelnen Fachbereiche können ihre Aufgaben hervorragend erfüllen – und dennoch gemeinsam am eigentlichen Problem vorbeiarbeiten.

Dieses Beispiel verdeutlicht ein grundlegendes Dilemma unserer Zeit: Wir organisieren Wissen in Disziplinen, während unsere Herausforderungen häufig über deren Grenzen hinausreichen.

Ob Klimawandel, Gesundheitsversorgung, künstliche Intelligenz oder die Zukunft der Arbeit: Viele dieser Fragen lassen sich weder ausschließlich technisch noch wirtschaftlich, gesellschaftlich oder politisch beantworten.

Die entscheidende Fähigkeit besteht deshalb nicht darin, möglichst viel über alles zu wissen. Sie besteht darin, unterschiedliche Wissensformen so miteinander zu verbinden, dass daraus ein besseres Verständnis entsteht – und schließlich wirksames Handeln.

1. Spezialisierung hat uns weit gebracht. Aber sie hat Grenzen.

Die moderne Wissensgesellschaft ist wesentlich durch Spezialisierung entstanden.

Wissenschaftliche Disziplinen, berufliche Fachgebiete und spezialisierte Organisationseinheiten ermöglichen es uns, Wissen systematisch zu vertiefen, Methoden zu verfeinern und komplexe Aufgaben effizient zu bearbeiten.

Ohne Spezialisierung gäbe es viele der wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften unserer Gegenwart nicht.

Doch diese Stärke hat eine Kehrseite.

Je stärker Wissen aufgeteilt wird, desto schwieriger kann es werden, Zusammenhänge zwischen einzelnen Wissensgebieten zu erkennen. Fachsprachen unterscheiden sich. Institutionen verfolgen unterschiedliche Ziele. Und was innerhalb einer Disziplin als gute Lösung gilt, kann außerhalb davon unerwartete Probleme verursachen.

Bereits 2005 beschrieben die US-amerikanischen National Academies in ihrem Bericht Facilitating Interdisciplinary Research, dass komplexe wissenschaftliche und gesellschaftliche Probleme eine Integration unterschiedlicher Disziplinen erfordern. Zugleich identifizierten sie institutionelle Hindernisse: Fachbereichsstrukturen, Karrierewege und Finanzierungssysteme erschweren häufig genau diese Zusammenarbeit.

Die Herausforderung lautet also nicht, Spezialisierung zu überwinden.

Wir müssen lernen, fachliche Tiefe mit der Fähigkeit zu verbinden, über Fachgrenzen hinweg zu denken.

2. Was interdisziplinäres Arbeiten tatsächlich bedeutet

Nicht jede Zusammenarbeit unterschiedlicher Expert:innen ist automatisch interdisziplinär.

Drei Begriffe helfen, die Unterschiede zu verstehen:

Multidisziplinär: Verschiedene Disziplinen bearbeiten ein gemeinsames Thema aus ihren jeweiligen Perspektiven. Die Ergebnisse werden zusammengetragen, bleiben aber weitgehend voneinander getrennt.

Interdisziplinär: Unterschiedliche Perspektiven, Methoden und Erkenntnisse werden miteinander verbunden. Daraus entsteht ein gemeinsames Verständnis, das über die einzelnen Fachbeiträge hinausgeht.

Transdisziplinär: Zusätzlich zu wissenschaftlichen Disziplinen werden Perspektiven und Erfahrungen aus der Praxis einbezogen – beispielsweise von Unternehmen, Verwaltungen, Bürger:innen oder betroffenen Gemeinschaften.

Die OECD betrachtet transdisziplinäre Forschung als einen wichtigen Ansatz zur Bearbeitung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen. Ihr Bericht von 2020 untersucht dazu 28 Fallbeispiele und zeigt sowohl Potenziale als auch organisatorische Hürden.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Integration.

Es genügt nicht, unterschiedliche Menschen an einen Tisch zu setzen. Sie müssen ihre Annahmen hinterfragen, Begriffe klären und gemeinsam neue Erkenntnisse entwickeln.

Interdisziplinarität ist deshalb mehr als eine Organisationsform.

Sie ist eine Form der Wissensarbeit.

3. Innovation entsteht häufig durch ungewöhnliche Verbindungen

Neue Ideen entstehen nicht immer dadurch, dass völlig neues Wissen geschaffen wird.

Oft verändern sich Möglichkeiten bereits dann, wenn vorhandene Erkenntnisse auf ungewöhnliche Weise miteinander verbunden werden.

Eine viel beachtete Studie von Brian Uzzi und seinen Kollegen aus dem Jahr 2013 untersuchte rund 17,9 Millionen wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Das Ergebnis: Besonders häufig zitierte Forschung verband überwiegend etabliertes Wissen mit einzelnen ungewöhnlichen Wissenskombinationen. Arbeiten mit diesem Muster hatten eine etwa doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, zur Gruppe besonders häufig zitierter Veröffentlichungen zu gehören.

Das ist kein Beweis dafür, dass ungewöhnliche Kombinationen automatisch Innovation verursachen. Zitationshäufigkeit ist auch nicht mit gesellschaftlichem Nutzen gleichzusetzen.

Die Untersuchung verdeutlicht aber einen interessanten Zusammenhang: Neues entsteht häufig nicht allein durch radikale Originalität, sondern durch die Verbindung von Vertrautem und Ungewohntem.

Dieser Gedanke lässt sich auf zahlreiche Bereiche übertragen.

Wenn Bildungswissenschaft auf Technologie trifft, entstehen neue Möglichkeiten des Lernens. Wenn Organisationspsychologie mit Datenanalyse verbunden wird, können Entscheidungsprozesse anders gestaltet werden. Wenn Design, Ingenieurwesen und Sozialwissenschaften gemeinsam Mobilitätsprobleme bearbeiten, rücken Bedürfnisse in den Blick, die eine rein technische Analyse möglicherweise übersieht.

Die produktive Frage lautet daher nicht nur: Was weiß meine Disziplin über dieses Problem?

Sondern auch: Welche Perspektive fehlt uns noch?

4. Künstliche Intelligenz macht diese Fähigkeit noch relevanter

Mit der Verbreitung künstlicher Intelligenz verändert sich die Art, wie wir Wissen suchen, verarbeiten und anwenden können.

KI-Systeme können Informationen aus unterschiedlichen Fachgebieten zusammenfassen, Muster identifizieren, Ideen entwickeln und bei der Analyse komplexer Fragestellungen unterstützen.

Dadurch kann es leichter werden, erste Verbindungen zwischen Wissensgebieten herzustellen.

Aber hier liegt auch eine Gefahr.

Eine überzeugend formulierte Antwort ist nicht automatisch eine richtige Antwort. Und die Verfügbarkeit unterschiedlicher Informationen bedeutet noch nicht, dass ihre Zusammenhänge verstanden wurden.

Ein KI-System kann beispielsweise Möglichkeiten zur Automatisierung einer beruflichen Aufgabe aufzeigen. Doch ob diese Automatisierung sinnvoll ist, hängt von weit mehr ab als ihrer technischen Machbarkeit.

Wir müssen auch fragen:

  • Welche Qualität muss das Ergebnis erfüllen?
  • Welche menschlichen Fähigkeiten werden durch die Veränderung gestärkt oder geschwächt?
  • Wer trägt die Verantwortung für Fehler?
  • Welche wirtschaftlichen Interessen bestimmen den Einsatz?
  • Wer profitiert und wer trägt mögliche Nachteile?

Technologische Kompetenz allein reicht für diese Beurteilung nicht aus. Wir benötigen auch wirtschaftliches, rechtliches, organisatorisches und gesellschaftliches Verständnis.

Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum beschreibt unter den zentralen beruflichen Kompetenzen unter anderem analytisches Denken, kreatives Denken, technologische Kompetenz, Neugier und systemisches Denken. Das sind Einschätzungen befragter Arbeitgeber – keine Garantie dafür, welche Fähigkeiten künftig tatsächlich den größten Nutzen stiften werden.

Die Kombination ist dennoch aufschlussreich.

Die Zukunft der Arbeit verlangt nicht ausschließlich mehr Technologieverständnis.

Sie verlangt auch die Fähigkeit, Technologie in größere Zusammenhänge einzuordnen und ihren Einsatz begründet zu beurteilen.

5. Warum interdisziplinäres Arbeiten nicht automatisch bessere Ergebnisse liefert

So wichtig unterschiedliche Perspektiven sind: Interdisziplinarität ist kein Selbstzweck.

Sie kann Zusammenarbeit verlangsamen, Konflikte verstärken und Entscheidungen erschweren.

Eine Untersuchung von Erin Leahey, Christine Beckman und Taryn Stanko, veröffentlicht 2017, zeigt beispielsweise einen Zielkonflikt in der wissenschaftlichen Forschung: Interdisziplinäre Arbeit war mit einer höheren Sichtbarkeit, aber zugleich mit einer geringeren Publikationsproduktivität verbunden.

Die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen kostet Zeit. Methoden müssen übersetzt, Erwartungen abgestimmt und gemeinsame Bewertungskriterien gefunden werden.

Auch Machtverhältnisse spielen eine Rolle.

Nicht alle Perspektiven erhalten in Organisationen die gleiche Aufmerksamkeit. Technische oder ökonomische Argumente können etwa mehr Gewicht bekommen als soziale Auswirkungen oder das Erfahrungswissen betroffener Menschen.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht, wie viele Disziplinen beteiligt sind.

Entscheidend ist, ob ihre Zusammenarbeit die Qualität des Verständnisses und der Entscheidungen tatsächlich verbessert.

Manchmal ist eine spezialisierte Lösung vollkommen ausreichend. Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird besonders dann wertvoll, wenn mehrere Perspektiven notwendig sind, um das Problem überhaupt angemessen zu verstehen.

6. Wie wir lernen können, interdisziplinär zu denken

Interdisziplinarität beginnt nicht erst mit einem großen Forschungsprojekt oder einer neuen Organisationsstruktur.

Sie lässt sich auch im Alltag trainieren.

Ein hilfreicher Einstieg besteht aus vier Schritten:

Schritt 1: Das Problem verstehen, bevor wir eine Lösung suchen

Was genau versuchen wir zu verändern? Handelt es sich um ein technisches, organisatorisches oder gesellschaftliches Problem – oder um eine Verbindung daraus?

Die erste Problembeschreibung sollte als Hypothese betrachtet werden, nicht als feststehende Wahrheit.

Schritt 2: Unterschiedliche Wissensperspektiven identifizieren

Welche Fachgebiete helfen dabei, das Problem zu verstehen? Wer besitzt relevantes Erfahrungswissen? Wessen Perspektive wird bisher nicht berücksichtigt?

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Menschen einzubeziehen, sondern die für die Fragestellung relevanten Erkenntnisse zusammenzubringen.

Schritt 3: Widersprüche sichtbar machen

Unterschiedliche Disziplinen können zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.

Das muss kein Nachteil sein.

Gerade dort, wo Perspektiven einander widersprechen, werden oft Annahmen und Zielkonflikte sichtbar, die zuvor nicht erkannt wurden.

Schritt 4: Wissen in Handlungsoptionen übersetzen

Welche Lösungen ergeben sich aus dem gemeinsamen Verständnis? Welche Folgen könnten sie haben? Welche Unsicherheiten bleiben?

Anschließend sollten die Lösungen im jeweiligen Kontext überprüft und bei Bedarf angepasst werden.

Diese vier Schritte sind kein vollständiges wissenschaftliches Verfahren. Sie bieten aber eine praktikable Struktur, um unterschiedliche Wissensperspektiven im Berufs- und Lebensalltag bewusster einzusetzen.

7. Von der Wissensgesellschaft zur handlungsfähigen Gesellschaft

Wir haben heute Zugang zu einer gewaltigen Menge an Informationen.

Und mit neuen Technologien werden die Möglichkeiten, Informationen abzurufen und zu kombinieren, weiter zunehmen.

Doch Zugang zu Wissen ist nicht gleichbedeutend mit Verständnis.

Verständnis ist nicht automatisch Urteilskraft.

Und Urteilskraft führt nicht zwangsläufig zu Handlung.

Genau hier liegt eine der zentralen Bildungs- und Organisationsaufgaben unserer Zeit.

Menschen müssen nicht alle Disziplinen beherrschen. Sie sollten aber lernen, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen, relevante Perspektiven einzubeziehen und unterschiedliche Erkenntnisse kritisch miteinander zu verbinden.

Für Organisationen bedeutet das, weniger ausschließlich in Abteilungen, Zuständigkeiten und Kompetenztabellen zu denken – und stärker in Problemen, Wechselwirkungen und gemeinsamen Zielen.

Für Bildung bedeutet es, Fachwissen nicht nur zu vermitteln, sondern auch seine Anwendung, Grenzen und gesellschaftlichen Zusammenhänge verständlich zu machen.

Und für Individuen bedeutet es, sich nicht auf die eigene berufliche Rolle oder akademische Disziplin reduzieren zu lassen.

Die Zukunft gehört nicht einfach den Menschen, die möglichst viele Dinge wissen. Sie wird auch von denen gestaltet, die Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Wissensformen verbinden und daraus verantwortungsvolle Entscheidungen ableiten können.

Interdisziplinarität ist dabei nicht das Ende von Expertise.

Sie ist eine Möglichkeit, Expertise wirksamer werden zu lassen.

Denn unsere größten Herausforderungen fragen nicht danach, welcher Fachbereich für sie zuständig ist.

Sie verlangen, dass wir lernen, gemeinsam über bestehende Grenzen hinauszudenken.


Eine Frage zum Weiterdenken

Wenn du an eine wichtige Herausforderung in deinem Leben, deiner Arbeit oder deiner Organisation denkst: Aus welcher Perspektive betrachtest du sie bisher – und welche Perspektive könnte dein Verständnis grundlegend verändern?

Bei iftiin flow beschäftigen wir uns mit genau dieser Verbindung zwischen Wissen, Verständnis, Urteilskraft und Handlungsfähigkeit: Wie können Menschen und Organisationen Wissen nicht nur aufnehmen, sondern nutzen, um bewusst ihre Zukunft mitzugestalten?